Mit Kamera und Notizblock unter das Kirchendach

Veröffentlicht am 15. November 2020 von Hugo Schmidt

Interessante Menschen treffen, spannende Gespräche führen und Neues erfahren, konnte ich im vergangenen Jahr als freier Mitarbeiter bei den Westfälischen Nachrichten. All das ist für mich im Moment nicht mehr möglich. Seit März sitze ich als Risikopatient in Isolation zuhause. Immerhin konnte ich vor einigen Tagen über einen digitalen Vortragsabend für die Zeitung berichten.

Im Sommer 2019 habe ich ein Praktikum in einer Lokalredaktion der Westfälischen Nachrichten gemacht. An meinem ersten Tag wurde ich direkt ins kalte Wasser geworfen, indem man mir meine Termine für die Woche mitteilte, die ich alleine machen sollte. In den ersten Tagen lernte ich neben dem intensiven Recherchieren und einer guten Vorbereitung auf meine Termine, wie man in seinen Artikeln den roten Faden findet. Vor dem Schreiben hatte ich anfänglich am meisten Angst, da ich dachte, dass ich nichts aufs Papier kriegen würde. Oftmals aber schrieben sich die Texte über interessante und bewegende Themen fast “von selbst”. Entweder man hat sofort eine gute Idee oder man stolpert erst über kurze Startschwierigkeiten, bevor es dann aber leichter wird.

Die Redakteure haben mir viel Vertrauen entgegengebracht. Ich durfte mit Politiker*Innen, Bauhofarbeiter*Innen, Unternehmer*Innen, Lehrer*Innen und anderen engagierten Menschen sprechen. Meine Termine führten mich unter das Gewölbedach der Kirche oder in das Amtszimmer der Bürgermeisterin. Einen klassischen Alltag gab es in dieser Zeit nicht. Jeder Tag bot neue Aufträge von den Redakteuren und neue Möglichkeiten. Ich konnte entdecken, konnte Fragen stellen und dabei immer neugierig sein. Gleichzeitig bekam ich vor jedem Termin Adrenalinschübe. Aber genau dieser Nervenkitzel und die große Abwechslung in der kreativen Arbeit machen mir noch immer außerordentlich viel Spaß.

Mein Praktikum habe ich in dem Sommer gemacht, in dem der Eichenprozessionsspinner das “größte Problem” in Deutschland war. Ich bekam einen Rechercheauftrag zur Lage der hiesigen Wälder. Mit Kugelschreiber in der einen, Block in der anderen Hand und meiner Kamera um den Hals baumelnd stakste ich hinter einem Förster her. Mit meiner Muskelerkrankung fiel mir der Aufstieg des steilen Abhangs nicht allzu leicht. Links und rechts wurden die Büsche und Sträucher immer höher und ich blieb immer wieder an Dornen und Ästen hängen und zerriss mir dabei meine Jeans. Meine gute Vorbereitung auf das Gespräch zahlte sich aus, als wir schließlich auf einer kleinen Lichtung mit krankem Baumbestand angelangt waren. Dort stellte ich nämlich fest, dass ich meine vorbereiteten Fragen im Auto liegen gelassen hatte. Dennoch konnte ich ein gutes Gespräch führen und interessante Fakten aufs Papier bringen.

Seit dem Praktikum schreibe ich als freier Mitarbeiter für die Westfälischen Nachrichten. Lokaljournalismus ermöglicht mir, über sehr viele verschiedene Themen zu berichten und dabei eine Menge Erfahrungen zu sammeln. Ich darf in alle möglichen Bereiche hinein schnuppern, sei es Kultur, Politik, oder Wohltätigkeitsvereine. Die Geschichten der unterschiedlichsten Menschen erzählen zu dürfen, ist immer wieder faszinierend und bewegend. Jede Geschichte ist etwas Neues und Routine gibt es nicht. Das bietet einem die Chance, genauer hinzusehen. Oftmals sind es kleine, witzige oder spannende Details, die einen beeindrucken und das Alltägliche erst wirklich interessant machen.

Bei all dem ist mir natürlich die Verantwortung bewusst. Wenn ich im Praktikum abends nach Hause fuhr, gingen mir immer Zahlen und Namen durch den Kopf - hast du keinen Dreher drin? Hast du alle Namen richtig geschrieben? Natürlich werden meine Artikel von den Redakteuren redigiert, doch am Ende bin ich als Einziger vor Ort, habe alleine mit den Menschen gesprochen und habe auch als Einziger die Fakten notiert. Dieses Bewusstsein und die Anspannung schärft die eigene Sorgfalt. Man prüft jedes Detail in seinen Artikeln deshalb lieber vier- oder fünfmal, bevor man die Texte abgibt.

Die tägliche kreative Arbeit, das Neue, das Spannende und die Begegnungen sind die Elemente, die ich sehr genossen habe und mir auch für das wünsche, was ich meine Zukunft nenne. Für die Möglichkeit, immer wieder neugierig und kreativ zu sein, und das Vertrauen, was mir entgegengebracht worden ist, bin ich sehr dankbar!