Erst der Dialog dann die Inklusion

Veröffentlicht am 22. Dezember 2019 von Hugo Schmidt

Menschen mit Behinderung in Deutschland und der Welt fordern eine inklusive Gesellschaft. Es geht nicht mehr, wie noch vor 10 Jahren, um Integration, sondern jetzt um direkte Teilhabe. Die Möglichkeit, an einer Veranstaltung teil zu haben, reicht nicht mehr aus. Es geht darum, mit auf dem Podium zu sitzen und mitten im gesellschaftlichen, politischen Diskurs zu sein. Es soll nicht mehr über einen – sondern mit einem gesprochen werden. Die "Barrieren in den Köpfen", die Missverständnisse und Vorurteile, der Menschen sollen besser gestern als heute verschwinden.

Die Frage ist jedoch, ob man mit der Forderung nach Inklusion nicht einen Schritt überspringt? Es geht um Akzeptanz, Verständnis und Offenheit. Doch können diese Dinge nicht erst erreicht werden, wenn das Gegenüber weiß, was das Problem ist?

Wenn man in einer Fußgängerzone Passanten fragen würde, was sie unter Barrierefreiheit verstehen, dann käme wahrscheinlich sehr häufig die Antwort, dass Rollstuhlfahrer überall hin und rein kommen müssen. Das zur Barrierefreiheit wesentlich mehr gehört, ist vielen Menschen gar nicht bewusst. Dieses Bewusstsein muss, meiner Meinung nach, jedoch erst geschaffen werden, bevor man über Inklusion diskutiert.

Hashtags wie #disabilityawareness verfolgen genau diesen Ansatz. Erst einmal zu zeigen, was ist. Nicht was war, nicht was werden soll. Lediglich ein ehrlicher und offener Einblick in ein ziemlich normales Leben. Zeigen, wo es Probleme gibt und, oftmals viel wichtiger, zeigen wo es keine Probleme gibt. Die Regelmäßigkeit und Vielfalt die Social Media ermöglicht, führt unweigerlich zu einer größeren Selbstverständlichkeit im Alltag.

Ein Aushängeschild im deutschsprachigen Raum war das Projekt 100percentme von dem Content-Netzwerk funk (ARD und ZDF). Auf Instagram und YouTube schaffen eine Vielzahl von jungen Blogger*innen Beiträge zu den Themen wie Feiern, Dating oder Vorurteile mit dem vermeintlich einfachen Ziel eine Plattform für „Realtalk“ zu sein. Mal provokant, mal lustig, mal ernst spricht man über „Behinderungen in unserer Zeit“ und zeigt wie man lebt.

Jetzt gab 100percentme am 17. Dezember 2019 bekannt, dass es zum Ende des Jahres eingestellt werden wird. Dies ist die Folge einer Entscheidung, die funk auf Basis von Reichweitenmessungen getroffen hat. Diese Entscheidung stößt bei sehr vielen auf Unverständnis und ruft bei mir tiefe Enttäuschung hervor, da das Projekt in meinen Augen großes Potential besaß.

Ich habe in 100percentme eine große und starke Wirkung gesehen. Nicht nur konnte es für junge Menschen mit Behinderung ein Eyeopener sein, Content zu entdecken, sondern bot es auch für nicht behinderte Menschen einen unvoreingenommenen und vor allem ungefilterten Zugang zum Thema Leben mit Behinderung. 100percentme war ein Projekt was viel zu lange auf sich hat warten ließ und nun leider viel zu schnell wieder von der medialen Bildfläche verschwindet. So hätte es doch zu einem Inbegriff werden können für eine neue Generation, zu der auch ich mich zähle.

Eine Generation, die Raúl Krauthausen einmal Inklusion 2.0 genannt hat. Junge Menschen mit Behinderung gingen wesentlich selbstverständlicher an Dinge wie die Ausbildung, den Beruf oder die Beziehung heran, als man es noch vor 20 oder 30 Jahren getan hätte, sagt Krauthausen. Man fange nicht mehr bei null an, wenn es um Teilhabe oder Inklusion geht. Eine Beobachtung, die ich sehr ermutigend finde. Sie zeigt, dass sich gesellschaftliche Wahrnehmung und Rollenbilder durchaus verändern können.

Inklusion sollte nicht als eine große, vielleicht manchmal auch überwältigende, Zielvorstellung gesehen werden, sondern eher als ein gemeinsamer Weg. Ein Weg, in Form von Dialog, auf dem man Bewusstsein und Interesse für die Belange von Mitmenschen in der Gesellschaft schafft. Dieses Bewusstsein ist dann das Fundament für das Lösen von Problemen. Schade, dass funk diesen Weg erstmal nicht weitergehen möchte.