Die Zukunft gegen Ableismus

Veröffentlicht am 16. Mai 2021 von Hugo Schmidt

Ableism oder Ableismus meint die Diskriminierung von Menschen mit Behinderung. Der Begriff “Ableismus” leitet sich aus dem Englischen “to be able” (deutsch: “fähig sein”) ab.


Wollen wir immer wieder von vorne anfangen? Wollen wir immer wieder neu auf Grundsätze hinweisen? Immer wieder uns empören, uns schockieren? Die Achterbahnfahrt dieser Erfahrungen ist ermüdend und macht wütend. Sie ist dabei die Konsequenz aus ableistischen Strukturen und damit Alltag für Menschen mit Behinderung. In diesem Jahr habe ich diese schädlichen Strukturen so prägend wie nie zuvor wahrgenommen.


Das Jahr begann mit dem zähen und enttäuschenden Kampf gegen das Vergessen von Menschen mit Behinderung in der Impfstrategie. Es war ein Schock, als ich realisierte, dass ich, der ich 13 Monate in strenger Selbstisolation am Leben vorbei gelebt habe, zusammen mit tausend anderen jungen Risikopatient*innen nicht in der Impfstrategie berücksichtigt worden war. Langsam stießen Aktivist*innen vor und schließlich öffnete eine Petition den Weg zu Einzelfallentscheidungen für Risikopatient*innen mit Behinderung. Dennoch dauerte es danach nochmal Wochen und der Weg zur lebenssichernden Spritze führte über einige Umwege. Und auch heute, fünf Monate nach dem Start der Impfkampagne, sind viele Risikopatient*innen noch immer nicht geimpft.


Dieses Vergessen ist aber kein “Einzelfall”. Der Ausdruck, man sei “durchs Raster gefallen”, ist dabei immer eine sehr schöne Umschreibung des Ableismus in Deutschland, vielleicht auch eine abgenutzte Ausrede für das Versagen. Ich, als Mensch mit Behinderung, bin diesem Ausdruck schon oft im Leben begegnet. Die Umwelt ist nicht immer auf Menschen mit Behinderung zugeschnitten und man bekommt häufig das Gefühl, die eigene Situation sei zu speziell. Oft scheint es zu kompliziert, Anpassungen vorzunehmen, um etwas möglich zu machen.


Und dann gibt es da noch den Blick auf die 9,5% der Mitbürger*innen in Deutschland, die mit einer Schwerbehinderung leben. Dieser Blick der restlichen 90,5% wirkt manchmal wie aus einer anderen Zeit. Natürlich hat sich vieles verändert und auch verbessert, doch noch mehr steckt in Floskeln fest, verharrt in Stereotypen oder flieht in vermeintlich inspirierende Schönmalerei.


Nach den grausamen Ermordungen von vier Menschen mit Behinderung in einer Potsdamer Einrichtung, Ende April, überrollte diese Tat die Disability-Bubble – aber auch nur diese Bubble. Die Morde rüttelten mich wach und warfen mir eine Realität vor Augen, derer ich mir in diesem Ausmaß nicht bewusst war. Sie zeigten auf der einen Seite, wie problematisch die Tatsache ist, dass Menschen recht zurückgezogen von der Gemeinschaft leben und damit nahezu unsichtbar sind. Zum anderen zeigten sie, wie manche auf eine solche Tat reagieren oder auch nicht reagieren. In der Folge kam es u.a. zu dem Ausspruch: “Die Opfer wurden von ihrem Leid erlöst.” Das ist grotesk. Das ist verletzend. Das macht wütend.


Aber neben, mit oder in dieser Situation wird alles politisch, wird alles zum Diskurs, wird alles hinterfragt. Das ist sehr gut und beruhigt mich extrem. Nur wenn wir uns bewusst werden, was gut ist und was nicht, was gerecht ist und was nicht, was mental gesund macht und was krank, was uns verbindet und nicht spaltet, kann man die schädlichen ableistischen Strukturen ein für alle mal beseitigen. Die Antwort auf die Frage, ob wir weitermachen wollen uns zu empören oder stets von vorne zu beginnen, ist vielleicht einfacher, als man jetzt denken könnte. Es geht nicht darum, dass jeder allein die falschen Strukturen einreißt, dass jeder für sich wütend wird oder dass sich jeder sofort allen Problemen bewusst ist. Vielmehr sind es viele kleinere Ansätze, wie die Verabschiedung von ableistischen Rollenbildern, die alles besser statt schlechter machen. Jeder muss sich bewusst werden, dass es ableistische Strukturen gibt und dass diese mit Privilegien einherkommen, für diejenigen, die nicht betroffen sind.


Hört also zu, diskutiert mit und gebt Betroffenen mehr Reichweite. Abonniert Menschen mit Behinderung, hört Podcasts, lest Texte (wie diesen), guckt Videos und teilt diese Inhalte auf Social Media, mit euren Freund*innen oder in der Familie, um mehr Bewusstsein zu schaffen. Achtet in eurem Alltag auf Barrierefreiheit und auf nicht-ableistische Sprache. Guckt dabei nicht weg oder hört nicht auf, wenn es manchmal kompliziert scheint. Nur durch große und dauerhafte Aufmerksamkeit, können die Missstände und die Diskriminierung in unserem Alltag nachhaltig bekämpft werden. Und nur so kann sich die Zukunft gegen den Ableismus stellen.