Bericht aus dem goldenen und virenfreien Käfig

Veröffentlicht am 11. Oktober 2020 von Hugo Schmidt

Anfang 2020 antwortete ich spontan auf die Frage, welche Vorsätze und Pläne ich für das neue Jahr habe, dass ich u.a. mehr auf meinem Blog schreiben und unbedingt mehr reisen wolle. Wenige Monate später konnte ich den einen Vorsatz bereits erfolgreich umsetzen – den anderen hatte ich komplett vergessen. Es ist krass zu sehen, wie schnell sich Dinge ändern können und was für völlig absurde Situationen plötzlich zu einer brutalen Realität werden. Vieles wird einem bewusst, in nun fast sieben Monaten Selbstisolation als Hochrisikopatient. Wenig von dem, was da einem nachts über die Bettdecke krabbelt ist schön oder bereichert einen in einer Weise, die man sich vielleicht gewünscht hätte. Aber vielleicht lernt man, mit diesen Dingen anders und vielleicht auch besser umzugehen.


Mir wurde bewusst, was es bedeutet, in Isolation zu leben und nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, beim Start des online Semesters. Nachdem der erste Tag mit Videokonferenz überstanden war, merkte ich, dass das jetzt tatsächlich und ernsthaft Alltag sein sollte. Es waren nicht mehr vereinzelte Skype-Gespräche mit Freund*innen und entspannte Tage in scheinbar nicht enden wollenden Semesterferien. Es waren tägliche – stündliche – minütliche Erinnerungen daran, dass nichts aber auch gar nichts mehr “normal” sein würde für die nächsten Monate. Die anstrengenden Konferenzen warfen einem die unwirkliche Wahrheit immer und immer wieder ins Gesicht. Man war nur noch eine drei mal zwei Zentimeter große Kachel am oberen Bildrand.


Damit wurde man selbst und sein Leben plötzlich ganz klein. Saß man vor wenigen Wochen noch im Hörsaal, sitzt man jetzt Zuhause - nur noch Zuhause. Und während sich sein eigener physischer Horizont auf das heimatliche Grundstück begrenzt, sieht man, wie sich die Leben der Anderen langsam wieder öffnen und zurück zur einer “neuen Normalität” kehren. Ich könnte jetzt behaupten, dass mir diese Wochen und Monate, in denen mir die Isolation extrem bewusst war und sie mir deshalb auch extrem zusetzte, Inspiration und Ideen gegeben hätten. Das aber, wäre gelogen. Wer glaubt, aus solchen Krisen erwachse wirklich Schönes und Neues, der ist naiv. Eher geht es einem ausschließlich darum, sich “abzulenken” – abzulenken von Angst und Ungewissheit. Es ging dabei nicht um etwas so sachliches, wie die Angst vor der Infektion. Es war mehr eine diffuse Angst vor den Folgen der sozialen Distanz, des vermeintlichen Entfernen von Normalität. Es fehlte die alltägliche Rückversicherung in seinem Handeln, in seinem Auftreten, in seinem Sein. Irgendwann fragt man sich, wer man überhaupt ist, wenn man sich ständig in Form eines kleinen Kamera-Ikons bei Zoom ein- und ausschaltet.


Immer wieder schwappten natürlich auch die zahllosen Diskussionen über Corona in den Medien zu mir. Und immer, wenn ich dann die Formulierungen “Im Lockdown habe ich…” oder “Während Corona wurde mir bewusst, dass…” fielen, begann es in mir zu brodeln. Für die Anderen war Corona im Sommer scheinbar wieder vorbei. Es war und ist aber immer noch da und bleibt auch so lange, bis es einen Impfstoff gibt. Relativierende Argumentationen eines Bonner Virologen, man müsse mit dem Virus leben lernen, machen mich dabei etwas wütend, weil er die Gefahr banalisiert und meine ergriffenen Maßnahmen und auch die Linie vieler anderer Risikopatient*innen ad absurdum führt. Natürlich versuche auch ich im Rahmen meiner Möglichkeiten “mit dem Virus zu leben” und es kamen Freund*innen auf Abstand in den Garten. Eine “neue Normalität”, die alles wieder gut macht, ist das aber nicht.


Dennoch fiel ein gewisser Druck von mir mit dem Ende der Klausurenphase. Unterschwellig hatte er einen großen Teil zu meiner Angst beigetragen. Zwar stieg mit den Temperaturen im August nicht unbedingt meine Laune, dennoch schwitzte ich in jenen Tagen mehr oder weniger meine Sorgen und Ängste aus. Ich konnte endlich aufatmen, da ich dieses emotional anstrengende Semester hinter mich gebracht hatte. Als es mir gegen Ende des Sommers wieder besser ging, begann ich zu schreiben, begann ich neue Ideen zu entwickeln und umzusetzen. Nun hoffe ich, die nächste Hälfte der “neuen Normalität” gut zu überstehen und freue mich auf meinen Impftermin im kommenden Frühjahr!